Der
ScrumMaster sorgt dafür, dass alle Beteiligten die Spielregeln von Scrum
verstanden haben und sich daran halten. Dies tut er aus einer Haltung
des Servant Leadership heraus. Er besitzt also keine disziplinarische
Macht, ist aber eine Führungsrolle in Scrum. Er ist Coach für das
Entwicklungsteam und den Product Owner und sollte Methoden und
Denkweisen vermitteln. Er hilft dem Team Impediments zu erkennen und
aufzulösen. Dazu macht er Konflikte transparent und bietet dem Team
Hilfestellungen, diese aufzulösen. Seine Hauptaufgabe ist es, dafür zu
sorgen, dass das Team am Ende einer Iteration ein qualitativ
hochwertiges Produktinkrement liefern kann und eine stetige
Weiterentwicklung stattfindet. Darüber hinaus soll er durch sein
Mitwirken der Organisation helfen, zu einer agilen Organisation zu
wachsen.
Prinzipiell könnte man sagen, dass ein guter ScrumMaster alles
tut, um sich selbst überflüssig zu machen.
Ein ScrumMaster ist keine Teamassistenz. Seine Aufgabe ist nicht das
Verwalten der Termine, das Koordinieren von Informationen und die Pflege
eines physikalischen Boards. Er ist auch keine Regelpolizei oder ein
Arbeitsverteiler.
Aber was ist er dann genau? Im ScrumMaster-Kompetenzmodell (siehe
auch Adkins) werden verschiedene Aufgabenbereiche unterschieden, die mal
mehr, mal weniger stark ausgefüllt werden von einem
ScrumMaster.
Facilitator
Eine wichtige Aufgabe für den ScrumMaster ist es, ein Facilitator für
sein Team zu sein. Dabei ist es etwas zu kurz gegriffen, wenn man den
Begriff „Facilitator“ nur mit dem deutschen „Moderator“ übersetzt. Nicht
gerade selten wird in einem ScrumMaster der- oder diejenige gesehen, die
die Scrum Events organisiert und moderiert. In manchen Firmen ist das
auch schon die Quintessenz der ScrumMaster Aufgaben. Um es mal frei nach
Geoff Watts („ScrumMastery“) zu sagen: Ein guter ScrumMaster ist
meisterhaft darin, die Scrum Events seines Teams zu moderieren. Ein
exzellenter ScrumMaster sorgt dafür, dass das Team seine Events ohne
Moderator effektiv und effizient durchführen kann.
Darüber hinaus bezeichnet „Facilitator“ aber auch alles, was der
ScrumMaster tun kann, um dem Team zu ermöglichen, seine Arbeit möglichst
performant auszuüben.
Servant Leader
Die ScrumMaster Rolle ist eine Führungsrolle im Scrum Framework, aber
eben eine laterale Führung. Das heißt, er besitzt keinerlei
disziplinarische Autorität über die Teammitglieder. Es hat sich in der
Praxis sogar als ziemlich kontraproduktiv herausgestellt, dem
ScrumMaster doch disziplinarische Autorität mitzugeben. Wenn der
ScrumMaster also keine Macht hat, dann muss er das Team durch andere
Fähigkeiten anführen. Dies tut er zum Beispiel dadurch, dass er mit
seinem Beispiel vorangeht. Er lebt was er sagt, glaubt daran und ist in
der Lage, andere anzustecken und zu begeistern. Hidden Agendas und
eigennützige Ziele werden eher wenig Erfolgsaussichten haben.
Letztendlich stellt sich der ScrumMaster somit in den Dienst derjenigen,
die er führen soll und hilft ihnen so, ihre gemeinsam Ziele zu
erreichen.
In diesem Zusammenhang sollte der ScrumMaster sich auch vor das Team
stellen, wenn es störende Einflüsse von außerhalb gibt. Er dient
sozusagen als Hitzeschild für das Team. Das erfordert, auch einmal
„Nein“ zu sagen und dem Team somit einen geschützten Raum zu bieten.
Problemlöser
Gelegentlich tauchen Hindernisse auf, die das Team daran hindern,
geplante Arbeit zu erledigen. Diese Hindernisse werden im agilen Umfeld
gerne auch liebevoll als „Impediments“ bezeichnet. Diese Impediments
gilt es so schnell wie möglich zu beheben, damit die Arbeit
fertiggestellt werden kann. Erkennt das Team ein Impediment, so sollte
es dieses direkt transparent machen. Zum Beispiel, indem die Aufgabe,
deren Ausführung dadurch behindert wird, auf dem ScrumBoard oder im
elektronischen Ticketing-System hervorgehoben wird. Dies sollte so
schnell wie möglich geschehen, spätestens jedoch zum nächsten regulär
stattfindenden Daily Scrum.
Oftmals begegnet man der Ansicht, der ScrumMaster sei der Adressat eines
jeden Impediments, und es sei seine Aufgabe, die aufgetauchten
Impediments zu beheben. Um auch hier wieder frei nach Geoff Watts zu
argumentieren: Ein guter ScrumMaster behebt zuverlässig und schnell alle
Impediments seines Teams. Ein exzellenter ScrumMaster hilft dem Team,
seine Impediments selbstorganisiert zu beheben.
Somit bleibt also die Verantwortung dafür, die Impediments möglichst
schnell zu beseitigen, beim ScrumMaster. Allerdings sollte er Wert
darauf legen, das Team zu befähigen, seine Impediments selbst zu lösen.
Lediglich die Impediments, die ausserhalb des direkten Einflussbereichs
eines Teams liegen, sollte er sich annehmen, indem er sie zum Beispiel
innerhalb der Organisation eskaliert.
Konfliktnavigator
Ein hoch performantes Team zeichnet sich dadurch aus, dass eben keine
künstliche Harmonie herrscht und Konflikte auch konstruktiv und offen
ausgetragen werden können. Auch dabei spielt der ScrumMaster eine
zentrale Rolle. Er muss die Teammitglieder dazu ermutigen, die Konflikte
offen anzusprechen und sich gegenseitig zur Verantwortung zu ziehen. Nur
so können gemeinsame Ziele erreicht werden. In diesem Zusammenhang
agiert der ScrumMaster als Mediator und unterstützt das Team dabei,
seine Konflikte zu lösen.
Dazu kann es durchaus hilfreich sein, wenn der ScrumMaster sich mit dem
breiten Feld der Konfliktlösung vertraut macht und das ein oder andere
Modell anwenden kann. Zudem bedarf es einer gewissen Empathie und
Fingerspitzengefühl im Umgang mit schwierigen Situationen. Aber man darf
nie vergessen: Wenn ein Team nicht in der Lage ist, konstruktiv seine
Konflikte auszutragen, dann wird es auch nicht in der Lage sein, in den
angestrebten Bereich der Hyperperformance zu gelangen.
Lehrer
Der ScrumMaster ist dafür verantwortlich, dass das Team das Scrum
Framework verstanden hat und erfolgreich einsetzt. Daher muss er dem
Team wie ein Lehrer erklären, wie die einzelnen Elemente und Rollen
funktionieren, was ihr Ziel ist und wo die Fallstricke sich
befinden.
Zudem gibt es einiges an Methoden im agilen Umfeld, die dem Team
eventuell helfen können, die Arbeit effizienter oder effektiver zu
erledigen. Auch hier sollte der ScrumMaster einen möglichst großen
Methodenfundus aufgebaut haben, den er auch an das Team weitergeben
kann.
Coach
Ist das Team schon fortgeschritten, dann benötigt es vielleicht
keinen Lehrer mehr, der das Framework oder Methoden erklärt. Hier kommt
der ScrumMaster als Coach ins Spiel, der durch das Stellen von klugen
Fragen dem Team immer wieder neue Wege aufzeigt, die er vielleicht noch
nicht einmal selbst gesehen hat. Zudem sollte er in der Lage sein, dem
Team einen Spiegel vorzuhalten, so dass das Team erkennen kann, was
gerade passiert.
Auch das Coachen des Product Owners ist eine typische Aufgabe für den
ScrumMaster. Zudem gibt es in vielen Unternehmen noch Projektleiter,
Gruppenleiter oder Manager, die direkt oder indirekt mit den Scrumteams
zusammenarbeiten. Auch hier bietet sich die Möglichkeit eines Coachings
durch den ScrumMaster an. Nicht zuletzt ist das Eins-zu-Eins-Coaching
von Entwicklungsteammitgliedern eine Aufgabe, der ein ScrumMaster
regelmäßig nachkommen sollte.
Coaching stellt eine sehr anspruchsvolle Aufgabe für den ScrumMaster
dar, daher ist es sinnvoll, sich in diesem Gebiet regelmäßig
weiterzubilden und vielleicht mit anderen ScrumMastern
zusammenzuschließen, um diese Kompetenzen beständig auszubauen.
Mentor
Leider wird oftmals nicht fein unterschieden zwischen Lehrer, Trainer, Coach, Berater und Mentor. Auch wenn die Aufgaben sehr artverwandt sind, so gibt es doch ein paar feine Unterschiede. Prinzipiell wird ein guter ScrumMaster alle dieser Rollen für sein Team je nach Situation einnehmen müssen. Als Lehrer muss er unerfahrenen Teams das Framework oder Methoden beibringen. Als Trainer kann er beispielsweise diese Methoden an Beispielen einüben und dem Team so noch näherbringen oder Workshops zu bestimmten Themen durchführen. Als Coach stellt er in den Events oder in Einzelgesprächen die richtigen Fragen, die dem Team neue Einsichten verschaffen. Als Berater hilft er dem Team, eine sinnvolle Entscheidung zu treffen, indem er eigene Einsichten teilt. Als Mentor bietet er dem Team seinen Erfahrungsschatz als Ressource an. Wie man sieht, verschwimmen die Grenzen oft und ein hervorragender ScrumMaster kann virtuos zwischen diesen Perspektiven wechseln. Er weiß, was das Team gerade benötigt und hilft dem Team so weiter. Auch wenn das vielleicht nicht der lexikalisch korrekten Definition des Aufgabenbereichs eines Mentors entspricht, so stellt es für mich doch die Fähigkeit des ScrumMasters dar, basierend auf seiner Erfahrung, dem Team die Hilfe zukommen zu lassen, die es gerade am Besten gebrauchen kann.
Manager
Der ScrumMaster ist auch ein Manager. Allerdings nicht in dem klassischen Sinne. Er managt sozusagen den Prozess. Vielleicht übernimmt er auch gewisse koordinatorische Aufgaben für das Team, wohlwissend, dass er nicht den Fehler machen sollte, dabei zum Single-Point-of-Contact (oder auch Hub) für das Team zu werden. Aber wenn es dem Team hilft, dass er sich um gewisse Formalitäten kümmert, warum nicht?
Change Agent
Hat der ScrumMaster sein Team so weit entwickelt, dass es
selbstorganisiert Arbeiten kann und seine Probleme im eigenen Umfeld
beheben kann, so wird sich der Blick fast zwangsläufig über den
Tellerrand des eigenen Teams hinausbewegen. Neue Impediments werden
auftauchen, die außerhalb der Teamgrenzen liegen und die Struktur der
Organisation betreffen. Vielleicht erkennt man, dass die existierenden
Prozesse nicht passen. Vielleicht gibt es Führungskräfte, die um ihre
Position bangen. Vielleicht gibt es konkurrierende Ziele zwischen den
Teams oder eine Architektur, die keine Entkopplung erlaubt und viele
Abhängigkeiten aufweist.
Hier kommt der ScrumMaster ins Spiel. Er sollte diese Hindernisse
transparent machen und sich an der Beseitigung beteiligen. Zusammen mit
anderen ScrumMastern und gegebenenfalls einem Transitions Team sollte
die Transformation zu einem agilen Unternehmen vorangetrieben werden.
Denn eines muss jedem klar sein, der eine agile Transformation in einem
klassischen Unternehmen angeht: agile Arbeitsweise bedeutet nicht nur
die Verwendung gewisser Methoden in Randgebieten (zum Beispiel den
Entwicklungsteams) des Unternehmens. Sowohl Kanban als auch Scrum (um
mal die beiden verbreitetsten agilen Frameworks zu nennen) sind
(Change-) Management Frameworks. Wenn man nicht bereit ist, die
bisherige Arbeitsweise in einem Unternehmen auf den Prüfstand zu stellen
und verändern zu wollen, dann wird man auch nicht das aus den agilen
Methoden herausholen, was möglich wäre. Die Aufgabe eines guten
ScrumMasters ist es, genau dies dem Unternehmen zu vermitteln und es bei
der Veränderung zu unterstützen.
Schüler
Eine der wichtigsten Rollen des ScrumMasters ist eine, die nicht
direkt mit der Interaktion mit dem Team oder der Organisation zu tun
hat, sondern stark nach innen gerichtet ist. Ein guter ScrumMaster weiß
alles, was er wissen muss, damit er dem Team weiterhelfen kann. Ein
hervorragender ScrumMaster weiß, was er noch alles lernen muss, damit
das Team sich selbst weiterhelfen kann. Dazu gehört neben der Lektüre
von Fachbüchern auch der regelmäßige Austausch mit anderen Praktikern
(in Communities of Practice, Scrum-Tischen, Konferenzen, Foren) und das
Sichten von Blogeinträgen.
Aber auch das, was Lyssa Adkins gerne als „Master yourself“ bezeichnet,
spielt hier eine große Rolle. Nur durch ständiges hinterfragen auch der
eigenen Arbeit und er eigenen Person bringt neue Einsichten. Dazu bieten
sich regelmäßige persönliche Retrospektiven an oder das Führen eines
Tagebuchs.
Der ScrumMaster als Eierlegende Wollmilchsau
Nimmt man die oben genannten Punkte ernst, so stellt sich schnell die
Frage, wie denn ein einzelner ScrumMaster all diesen Anforderungen
gerecht werden kann. Und diese Frage ist berechtigt. Neben fachlichen
Kenntnissen müsste der ScrumMaster auch eine hohe Empathie besitzen,
Menschenkenntnis und psychologisches Fachwissen mitbringen und eine
Menge von Arbeits- und Organisationsentwicklung verstehen. Zudem muss er
die Domäne kennen, das Unternehmen und dessen Prozesse verinnerlicht
haben und das Produkt und die Vision aus dem FF kennen. Optimalerweise
ist er studierter Informatiker, BWL’er, Psychologe und Pädagoge, ist
zwanzig Jahre jung und weist 30 Jahre Erfahrung auf.
Mir persönlich ist – bis heute – zumindest noch kein ScrumMaster
begegnet, der alle diese Bereiche wirklich in Perfektion beherrschte.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, das auch nicht jedes dieser Gebiete für
gleich viel Begeisterung sorgt und sich somit von ganz alleine
spezifische Stärken ausprägen. Aber ist das schlimm? Ich glaube nicht,
denn ein ganz wichtiger Faktor in der erfolgreichen Arbeit als
ScrumMaster ist Teamwork. Und in den meisten Unternehmen, in denen es
mehr als einen ScrumMaster gibt, werden die Fähigkeiten und Interessen
wahrscheinlich unterschiedlich sein. Und wenn man sich hier gut vernetzt
und sich gegenseitig unterstützt, dann profitieren nicht nur die Teams,
sondern auch ihre ScrumMaster und das gesamte Unternehmen.